Translation Memory – das kollektive Gedächtnis von Übersetzern und Maschinen

 

Translation Source StaffingUm große Übersetzungsaufträge budgetgerecht durchzuführen, verwenden viele Agenturen servergestützte Systeme für die maschinelle Übersetzung. Die Technologie ist inzwischen sehr leistungsfähig und vorübersetzte Texte müssen von Freelancern in einer Weboberfläche nur noch korrigiert werden (Post-Editing). Solche Übersetzungsprogramme arbeiten regelbasiert oder statistisch. Das heißt sie kombinieren entweder Sprachalgorithmen mit Grammatik und Wörterbüchern, analysieren den Quelltext und zerlegen die Sätze in Satzteile und Wörter, die nach Programmregeln in die Zielsprache übertragen werden. Oder sie verwenden vorübersetzte Begriffe, Satzsegmente und ganze Sätze aus einem Übersetzungsspeicher oder digitalen Wörterbüchern. Sie werten also statistisch bereits vorhandene Übersetzungen aus und leiten daraus die optimale Übertragung des Textes in die Zielsprache ab. Durch die Korrekturen der Übersetzer lernen die Programme immer präziser Texte zu übersetzen. Die Technologie ist inzwischen soweit fortgeschritten, dass in Fachgebieten, in denen dem Übersetzungsspeicher, Translation Memory, sehr viele vorübersetzte Varianten zur Verfügung stehen, der Computer ganze Texte fast selbstständig bearbeiten kann und kaum noch Korrekturen notwendig sind.

Übersetzer nutzen Desktop-Software wie z.B. SDL Trados oder Wordfast und legen für Übersetzungen in verschiedenen Fachgebieten oder für allgemeine Texte Übersetzungsspeicher an. Das heißt die Software merkt sich im Translation Memory, wie bestimmte Sätze oder Satzteile bereits übersetzt worden sind und schlägt diese Varianten dem Nutzer vor. Außerdem kann der Übersetzer digitale Wörterbücher verwenden und damit unbekannte Begriffe nachsehen. Firmen können Übersetzern auch Translation Memorys zur Verfügung stellen, um sicherzustellen, dass die Übertragung des Textes konsistent geschieht und für bestimmte englische oder französische Begriffe etwa immer bestimmte deutsche Begriffe verwendet werden. Institutionen wie die Europäische Union und die UNO und Firmen wie Microsoft stellen Übersetzern große Translation Memorys für verschiedene Fachgebiete wie etwa Recht oder IT kostenfrei zur Verfügung. Übersetzungssoftware ermöglicht die Kooperation von Teams an einem Projekt und sie ermöglicht es verschiedene Übersetzungsspeicher zu einem Fachgebiet zusammenzuführen. Um effektiv und zu wettbewerbsorientierten Preisen große Textmengen zu übersetzen, sind solche Programme heute der Standard. Dem Übersetzer bleibt die Aufgabe, auf korrekte Grammatik und Rechtschreibung sowie einen guten Stil des Zieltextes zu achten.

Kersting, Lesender Mann
Friedrich Kersting, Lesender Mann beim Lampenlicht, 1814. Museum Oskar Reinhart, Winterthur. Foto: Hannelore Gärtner

Übersetzungsprogramme dienen also effektiven und wirtschaftlichen Arbeitsabläufen, sie haben jedoch ihre Grenzen, wenn die Übersetzung ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen in den Stil und die Intention des Autors des Quelltextes erfordert. Bei Literaturübersetzungen geht es darum Stimmungen, die der Autor kreiert und seine Absichten, den Subtext mitzuübertragen. Das können natürlich Computerprogramme nicht leisten. Literaturübersetzungen sind sehr viel zeitaufwändiger als Fachübersetzungen. Bei der Arbeit ständig in einen Bildschirm zu starren ist dabei nicht hilfreich, da so Inspiration stirbt. Deshalb übersetzen Literaturübersetzer oft handschriftlich und scannen die Übersetzung mit einem OCR-Programm, das Handschrift in Worddokumente verwandelt.

Allgemeine und Fachübersetzungen werden meist nach der Zahl der Wörter im Zieltext abgerechnet oder nach dem Zeitaufwand während bei Literaturübersetzungen Normseiten die Berechnungsgrundlage sind. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die damalige Industriegewerkschaft Druck und Papier, heute ver.di, haben 1982 in einem Normvertrag festgesetzt, was eine Normseite ist. Sie besteht aus 30 Zeilen zu 60 Anschlägen inklusive Leerzeilen und Leerzeichen. Der Literaturübersetzer erhält dann einen festen Preis pro Seite.

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